Der 11. November ist der Tag des Heiligen Martin, des
späteren Bischofs von Tour. Martinus wurde als Sohn eines römischen Tribuns 316/17
(oder 336) n. Chr. geboren und christlich erzogen. Er trat in den römischen
Militärdienst ein und wurde Offizier, konnte aber im Lauf der Zeit diesen
Militärdienst nicht mit seinem christlichen Glauben vereinen. Wohl kurz vor 356,
den Jahr seines Ausscheidens aus dem Militärdienst, hatte er vor dem Stadttor
von Amiens die legendäre Begegnung mit einem Bettler, mit dem er seinem Mantel
teilte.

15 Jahre später wurde er Bischof von Tours, lebte ein Leben als
vorbildlicher Christ, starb am 8. November 397 und wurde am 11. November
desselben Jahres in seiner Bischofskirche in Tours beigesetzt.

Für den Frankenkönig Chlodwig I. war Martin mit seiner
Haltung gegenüber dem als ketzerisch angesehenen Arianimus eine feste Stütze
des katholischen Glaubens in seinem Reich. Der Heilige wurde damit zum
Schutzheiligen der fränkischen Könige. Martins Mantel, die „cappa“, galt als
fränkische Reichsreliquie, er wurde seit 679 im Königspalast in Paris
aufbewahrt und auf allen Feldzügen mitgeführt. Der Aufbewahrungsort wurde
danach „capella“, Kapelle, genannt, ebenso das Kollegium der dort amtierenden
Priester – ein Begriff, der mit der Zeit auf alle Gotteshäuser überging, die
nicht eigene Pfarrkirche waren. Ebenso ging der Begriff der Kapelle auf die
Gemeinschaft der Kleriker über, die vom König/Kaiser mit besonderen
Verwaltungsaufgaben betraut wurden, die „Hofkapelle“ der deutschen Kaiser des
Mittelalters. Schließlich und endlich wurden auch die an der Kapelle wirkenden
Musiker mit diesem Begriff belegt, der heute gegenüber dem cooleren „Band“
zurücktritt und vor allem für Feuerwehrkapellen etc. gebraucht wird.

Die Bevorzugung des Heiligen Martin im fränkischen Reich und
seine Betonung als Reichsheiliger führte dazu, dass im Frühmittelalter, d.h. im
6./7. Jahrhundert, vor allem Kirchen, die auf fränkischen Staatsland („Fiskalland“)
gegründet wurden, dem Heiligen Martin geweiht wurden – für die Historiker
unserer Zeit ein wertvolle Hinweis.

Bleibt noch die Geschichte mit der Martinsgans. Der Legende
nach versteckte sich der Heilige, als er zum Bischof von Tours gewählt werden
sollte, in einem Gänsestall, wurde aber durch das Geschnatter der Tiere
verraten. Diese Geschichte ist unlogisch, weil der Heilige ja sicher wusste,
dass Gänse nicht gerade die schweigsamsten Tiere sind. Außerdem ist es geradezu
kontraproduktiv, sich unter Gänsen verstecken zu wollen, da die Tiere selten
als zutraulich bezeichnet werden können, sondern Fremdlinge eher aggressiv
angehen.

Dahinter steht nichts anderes als der alte Brauch, im
November die Gänse, die im Sommer und Frühherbst noch gemästet wurden, zu
schlachten. Das hatte vor allem den Vorteil, dass sie nicht über den Winter
gefüttert werden mussten. Die bäuerliche Bevölkerung lieferte ihre Gänse als
Abgabe an die Grundherren, und die hatten die Entscheidung, sie als lebende
Speisekammer weiter zu füttern oder sie ihrerseits zu schlachten. Der
Ablieferungs- und Schlachttermin lag sechs Wochen vor Weihnachten, zu Beginn
der weihnachtlichen Fastenzeit, vor der, ähnlich wie bei der Fasnacht, noch
einmal geschlemmt wurde. Zu dieser Zeit waren auch mit den Rüben die letzten
Feldfrüchte eingefahren.

In der evangelischen Welt trat naturgemäß die
Heiligenverehrung deutlich zurück, aber Martini, der Martinstag, war nach wie
vor ein fester Termin im bäuerlichen Kalender, zu dem auch das Gesinde seine
Arbeitsstelle wechselte. Wollte man mit dem Tag eine Persönlichkeit der
Glaubens verbinden, wich man auf den Geburtstag des Reformators Martin Luther
(10. November) aus.

Da es in der Gegenwart mehr Martinsumzüge gibt als
Musikkapellen, die zur Begleitung zur Verfügung stehen, müssen die Umzüge
zeitlich gestreut werden und finden zum Teil schon einige Tage vorher statt. Selten
jedoch geht die Verwirrung so weit, den Martinszug schon Anfang November
stattfinden zu lassen. Der alte Brauch, beim Umzug Spenden für die Bedürftigen
einzusammeln, gerät allerdings angesichts von Altkleidercontainern und
ganzjährigen Sammelaktionen in Vergessenheit.

Der Brauch, eine Laterne beim Umzug mitzuführen, ist durch
die Anfang November spürbar früher einbrechende Dunkelheit bedingt und gehört
in die Reihe der Lichterzauber. Im alemannischen Raum werden Rüben ausgehöhlt
und mit Kerzen bestückt („Räbenlicht“) – was sich mancherorts mit dem Brauch,
zu Halloween Kürbisse auszuhöhlen, kreuzt.

Und Martini ist lateinisch und heißt eigentlich „dies
martini“ – der Tag des Martin. Martinsabend ist dem allgemeinen Sprachgebrauch
entsprechend der Vorabend des Tags, also der 10. November.